Gelehrte vom Aussterben bedroht
Mitglieder des Alevitischen Kulturzentrums in Nürnberg verurteilen aufs Schärfste das unmenschliche Attentat auf den
armenischen Journalisten Hrant Dink.
Selda Sahin – NÜRNBERG
Am Freitag, den 19. Januar 2007 wurde der Journalist Hrant Dink, der am 15. September 1954 in Malatya geboren wurde, vor dem Redaktionsgebäude seiner herausgegebenen, zweisprachigen Wochenzeitung „Agos“ in Istanbul auf offener Straße erschossen.
Dink wurde als Christ in der Armenisch - Apostolischen Kirche erzogen und wuchs nach der Trennung seiner Eltern in armenischen Waisenhäusern in Istanbul auf.
Er studierte Zoologie sowie Philosophie und war als Student politisch links engagiert, weswegen er nach dem Putsch von 1980 mehrere male verhaftet worden war.
Er verbrachte mehrere Monate in Haft und erhielt jahrelang keinen Pass von
türkischen Behörden.
Sein Leben ändert sich, als Mitte der 1980er Jahre der türkische Staat das armenische Ferienheim beschlagnahmte, in dem Dink selbst seine Kindheit verbracht hatte und damals gemeinsam mit seiner Frau Rakel leitete.
Hrant Dink gründete daraufhin „Agos“, eine armenisch-türkische Zeitung, in der politisch heikle Themen offen und furchtlos diskutiert werden.
Der Redakteur wurde wegen „Agos“ unzählige Male vor Gericht gestellt, aus nichtigen Anlässen, wie international kritisiert worden war.
Zuletzt wurde er 2005 zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, weil er geschrieben hatte, dass der Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich dazu geführt habe, dass ein Volk, welches 4000 Jahre auf gemeinsamen Boden gelebt hatte, ausgemerzt worden ist.
War das wohl schon zu viel? Ist ein Menschenleben am helllichten Tag, mitten auf der Straße, in aller Öffentlichkeit so einfach zu nehmen? Wie zu beobachten, scheinbar schon.
Einem Augenzeugen zufolge schrie der Täter beim Weglaufen „Ich habe den Ungläubigen / Nicht- Muslim erschossen.“
Nach türkischen Angaben wurde der mutmaßliche Täter Ogün Samast in Samsun gefasst. Dessen Vater habe seinen Sohn auf einem veröffentlichten
Überwachungsvideo erkannt und der Polizei einen Hinweis gegeben.
Medien zitieren den 17-jährige Ogün Samast mit den Worten „ich habe ihn nach dem Freitagsgebet erschossen. Ich bedauere es nicht.“
Als Motiv für seine Tat gab Samast an, sein Opfer habe das türkische Volk beleidigt.
Besonders interessant ist allerdings, dass der als arbeitslos geltende Tatverdächtige in den beiden Wochen vor dem Attentat fünf Mal mit einer Privatfluggesellschaft nach Istanbul geflogen ist.
In Hinblick auf die Minderjährigkeit des Attentäters sagte der Präsident der Istanbuler Anwaltskammer, Kazim Kulcuoglu, dass in der Türkei Minderjährige für Morde benutzt werden, weil sie geringere Strafen als Volljährige erhalten.
Selbst der nationalistische Anwalt, Kemal Kerincisiz, der Anklagen nach dem sonderlich bestrittenen Artikel 301 gegen Hrant Dink, Orhan Pamuk und andere Autoren erhoben hatte, vermutet eine Verschwörung hinter dem Mord. „Ich glaube nicht, dass dies das Werk eines fanatischen Einzeltäters war, dem Dinks Ansichten nicht gefielen.“ deutete er der Zeitung „Zaman“.
Tausende Türken protestierten am Abend des 19. Januar bei spontanen Kundgebungen in Istanbul und Ankara gegen den Mord.
Immer wieder skandierten die Sprechchöre mit „Wir sind alle Hrant Dink, wir sind alle Armenier.“
Am Tag, an dem Hrant Dink beigesetzt wurde, versammelten sich auch in vielen europäischen Städten Menschenmengen, um dieser Bluttat ein Armutszeugnis zu verpassen.
So auch an der historischen Lorenzkirche in Nürnberg, bei der sich trotz eiskalt wehender Winde hunderte von trauernden Menschen, darunter sehr viele Mitglieder des Alevitischen Kulturzentrums Nürnberg e.V. versammelten. Leser und Freunde des Schriftstellers hatten zur gemeinsamen friedlichen Trauerminute aufgerufen.
Auch der Schriftsteller und Freund des Opfers, Habib Bektas, beteiligte sich am Trauermarsch und teilte in seiner Rede mit, sein Schmerz sei kaum in Worte zu fassen. „Seit tausenden Jahren schaffen wir es nicht, uns zu lieben. Wer hat uns dazu gebracht?“ fragte er mit seiner vor Kummer zitternden Stimme.
Wie auch in Istanbul begleiteten die Slogans „ Wir sind alle Hrant Dink“ oder „ Wir sind alle Armenier“ die trauernden in Nürnberg. Dinks ausdrucksstarke Bilder wurden mit roten Nelken verziert. Abschließend fand eine Gedenkminute statt, in der schweigend an Hrant Dink erinnert wurde…