Wenn wir einander begegnen,
wissen wir, wer wir sind…
Eine Dialogveranstaltung über das Wertesystem des Alevitentums
Selda Şahin – NÜRNBERG
In den vergangenen Tagen fand im Verein „Brücke – Köprü“,
dem Begegnungsort von Christen und Muslimen, eine Dialogveranstaltung über das
Wertesystem des Alevitentums statt. Als evangelische Familien- und
Bildungsstätte steht die „Brücke“ offen für Menschen jeder Nationalität,
religiöser Zugehörigkeit und Lebensformen. Wichtig ist, dass Frauen und Männer,
Eltern und ihre Kinder auf der Suche nach Sinn- und Glaubensfragen begleitet
und ihnen ein Raum der Orientierung geboten werden.
Besonders durch die Förderung eines interkulturellen
Verständnisses wird das respektvolle Miteinander von deutschen und ausländischen
Familien unterstützt.
Genau mit diesem Leitgedanken „Wenn wir einander begegnen,
wissen wir, wer wir sind“ verlief auch der exzellente Vortrag.
Der Redner Ibrahim Altunkaymak, Vorstandsmitglied des
Alevitischen Kulturzentrums Nürnberg e.V., referierte über die Entstehung des
Alevitentums, den Lebenslauf des Menschen, der nach alevitscher Vorstellung von
Streben nach einer Entwicklung des Denkens und des Ethos bestimmt wird. Die
vier Tore und vierzig Stufen, die der Mensch durchschreitet, um seiner Bestimmung
auf der Erde gerecht zu sein und um die Entwicklung einer Annäherung zu Gott zu
erreichen, wurden von den rund 25 Teilnehmern, darunter viele Gelehrte wie auch
der Islam Beauftragte der Landeskirche Dr. Prof. Riebe aus der Friedrich
Alexander Universität Erlangen-Nürnberg,
mit gewaltigem Interesse wahrgenommen.
Auch das heute gelebte Alevitentum und dessen
fassettenreiche, alltagsnahe und zeitgemäße Ausübung waren eine der
attraktivsten Informationen.
Nachdem bekannte Dichter wie Yunus Emre oder Pir Sultan
vorgestellt wurden,
präsentierte der junge Bağlamaspieler Vahap Kirmizibayrak das
Gedicht „Böyle kem zaman“ in Klang und Gesang von Şeyit (Märtyrer) Nesimi. Zuvor aber schilderte er kurz das Volksinstrument
Bağlama und dessen
Entstehung zusammen mit einer kurzen Zusammenfassung des Gedichtinhaltes. Mit
großer Neugier lauschten die Gästen den aussagekräftigen aber auch
eindrucksvollen Klängen, die Vahaps Stimme, seine Finger und sein Mızrap
zum Ausdruck brachten.
Anschließend begann der eigentliche Dialog zwischen den
Alevitischen Gästen, darunter auch Saniye Bülbül (und meine Wenigkeit) und den
wissensdurstigen Zuhörern.
Fragen zum „vollkommenen Menschen“, zu den 40 Stufen und
vier Toren, zu unterschieden von Aleviten und Suniten, zur Glaubensbeziehung
zwischen Aleviten und dem Koran und zu Problemen der Aleviten, die in der
Türkei leben wurden gehaltvoll und vielseitig beantwortet.
Auf Wunsch der Dialoggäste ertönten abschließend erneut die
Klänge der Bağlama. Ein Gedicht eines ebenso bedeutsamen Volksdichters Kul
Virani wurde vorgestellt und vorgesungen. Mit dem selben Interesse, doch
diesmal viel verstärkter genossen
die Gäste das Alevitentum und dessen Werte.
Während der Beleuchtungen des Ritus Cem wurden die
Teilnehmer auf ihre mehrfache Anfrage
recht herzlich zum folgenden Cem eingeladen, um den gelungenen Vortrag persönlich erleben
zu können.
Selbst als die
Dialogveranstaltung mit gegenseiteiger Danksagung beendet war, nutzten noch sehr viele Teilnehmer die
Gelegenheit, den Gästen weiter Fragen zu stellen und ihnen zu dem belehrenden, überzeugenden, erfolgreichen, natürlichen
und förderlichen Vortrag zu gratulieren.