Abdal Musa Cem in Nürnberg

 

 

Selda Şahin – NÜRNBERG

 

 

In den vergangenen Tagen fand im Alevitischen Kulturzentrum Nürnberg unter der Leitung des Dede Kasım Erdoğan ein Abdal Musa Cem statt. Cem bedeutet Kreis oder Ring und stellt eine religiöse und soziale Zusammenkunft dar. Die Voraussetzung für jeden Cem sind der Dede oder die Ana und die 12 hizmet (Pflichten).

Bei dem Dede handelt es sich um einen direkten Nachkommen der Ehlibeyt-Familie. Er muss in den epochalen und philosophisch-religiösen Aspekte des alevitischen Glaubens aufgeklärt sein und sollte durch sein Verhalten als Vorbild für die Gemeinde gelten.

Bevor der Cem beginnt wird er seitens des Dede „verriegelt“, das versinnbildlicht, das ab diesem Zeitpunkt weder jemand in den Cem treten kann, als auch ihn verlassen darf. Von nun an gibt es auch keinen Mann, keine Frau und keine Kinder mehr in diesem Raum. Nun existiert nur noch das Can.

Früher diente das Cem auch als Volksgericht. So wird auch heute noch gefragt, ob es Unstimmigkeiten oder Streitigkeiten und Auseinandersetzungen unter den Cemteilnehmern gibt. Falls ja, vernimmt der Dede unparteiisch die „Gegner“ und versucht eine Versöhnung einzuleiten. Falls eine Verständigung nicht erwünscht wird, ist diese Person gezwungen den Cem zu verlassen. Somit unterstützt dieser Akt gleichzeitig die Aufhebung von negativen Einflüssen im Raum.

Während des Cem kommen nun nach und nach die Pflichten oder deren Beauftragte vor die Gemeinde und tragen ihre Aufgabe vor. 

Man sieht neben dem Dede sitzen den Rehber: Seine Aufgabe ist es den Teilnehmern des Cem behilflich zu sein und als eine Art religiöser Wegweiser zu wirken.

Der Gözcü, welcher symbolisch mit einem langen Stab ausgestattet ist, um Unruhen vorzubeugen: Er sorgt für einen ordentlichen Ablauf.                                 

Der Cerağcı, dessen Aufgabe es ist, für (Kerzen-) Licht zu sorgen, das sowohl als Erleuchtung als auch als Wegweiser zu Hak verstanden wird, zündet jede der üblich drei Kerze mit den Leitsprüchen „Allah, Muhammet, Ali“ an. 

Auch neben dem Dede platziert die Zakir: Sie übernehmen die musikalische Aufgabe, indem sie den Dede auf der Saz (dem „Koran mit Seiten“)begleiten.                                                                                                       Süpürgeci: Seine Aufgabe ist es den „Cemplatz“ zu fegen. Somit bereinigt er nicht nur physische, sondern auch psychische und seelische Unreinheiten. Auch er kehrt symbolisch drei mal den Boden mit dem Leitspruch „Allah, Muhammet, Ali“.

Mit einem Krug mit reinem Wasser und einem Handtuch in der Hand erblickt man das Sakkacı-Paar: Diese verteilen Wasser an die Gemeinde und bezwecken ebenfalls die Beseitigung jeglicher negativer Einflüsse.                                                                                

Um die Lokma (Opfergaben) kümmert sich der Sofracı: Diese werden am Ende jedes Cem gemeinsam mit den Teilnehmern verspeist.                                         

Eine sehr bedeutende Rolle spielen auch die Pervane: Deren Aufgabe ist es den rituellen Tanz Semah (Himmel, Himmelsgewölbe) vorzuführen. In Begleitung von Saz und mystischen Liedern tanzen Frauen und Männer gemeinsam, wie die Kreisbahnen der Planeten Sonne und Mond, in Form eines Kreises während das Zentrum des Raumes die Welt darstellt.

Peyik: Seine Aufgabe ist es die Gemeinde über den geplanten Cem zu benachrichtigen.                                                                                                                  Iznıkcı: Er sorgt für die gesamte Sauberkeit, besonders auch nach dem Cem. 

Sehr wichtig war besonders früher der Bekci: Er dient als Wächter für die Sicherheit der Teilnehmer. Gerade in Zeiten, in denen sich alevitische Gemeinden gezwungen geheim versammelten, verhinderte eine rechtzeitige Warnung des Bekci jegliche Leiden.

Ölmeden önce Ölmek“ ist eines der Endziele des Cem, was soviel bedeutet wie, sterben bevor man stirbt, damit man an all das gelangt, woran man erst nach dem Tode gelangen würde…

Wie viele der mehr als einhundert  Can in Nürnberg das tatsächlich geschafft haben bleibt offen, aber ein aufschlussreicher und beachtenswerter Cem wurde vollbracht.