Alevitische Gemeinde unterstützt
streikende AEG-Angestellte
Norbert Franz
Nürnberg, 10.02.2006
Wenige
Minuten nach 12 Uhr trifft der Lieferwagen mit Mitgliedern des Alevitischen
Kulturzentrums auf dem Fabrikgelände der AEG ein. Bereits seit 20 Tagen stehen
dort die Streikposten unter den roten Bannern der IG Metall. Es ist ein
fürchterlich kalter und verregneter Freitag. Gegenüber dem großen Streikzelt
beziehen die Helfer aus dem Gemeindezentrum mit ein paar beherzten Handgriffen
ein eigenes Zelt. Auf lange hölzerne Klapptische hieven sie zwei gewaltige Kessel
aus einer Großküche. Darin befindet sich das Essen, das sie hier gratis
verteilen werden – das Aşure. Das Wort Aşure kommt aus dem Arabischen
und bedeutet „Dankbarkeit“. Das gleichnamige Fest findet statt am Ende einer
zwölftägigen Fastenzeit, mit der die Aleviten dem Martyrium eines ihrer
wichtigsten Heiligen gedenken. Dieser Termin fällt in diesem Jahr auf den 12.
Februar. „Mit dem gemeinschaftlichen Essen am Ende des Muharrem-Fastens drücken
wir unsere Freude über das Überleben der Familie des Propheten aus“, erklärt
Ibrahim Altunkaymak, der 30-jährige Mechaniker, der im Verein der Nürnberger
Aleviten Schriftführer und damit Vorstandsmitglied ist. Das Aşure-Essen
ist eine traditionelle Süßspeise, am besten zu beschreiben als heiße Brühe aus
mehreren Bohnenarten, Weizen und knackigen Nussstückchen. In diesem Fall
befinden sich darin auch Aprikosen und Mandeln. Darüber liegt ein sehr
intensiver Geruch nach Zimt. Die meisten Deutschen könnte es wohl an Backwerk
aus der Weihnachtszeit erinnern. Manche nennen es einen Pudding, es löffelt
sich aber mehr wie Suppe. Insgesamt sind stets zwölf Zutaten darin, um die
zwölf rechtmäßigen Imam-Kalifen repräsentieren, die es nach alevitischer
Vorstellung gegeben hat. „Dass Zain al-Abidin das Massaker von Kerbela im Jahr
680 überlebte, bedeutete für die Menschen in der damaligen Zeit den Beweis und
die Hoffnung, dass die Prophetenfamilie weiter bestehen würde“, erläutert Altunkaymak
geduldig. Zain al-Abidin war ein Nachkomme des Heiligen Hussain, des Sohnes
Alis, welcher wiederum Schwiegersohn von Muhammad war.
Unter
den rund 1700 AEG-Mitarbeitern, die durch die angekündigte Werkschließung
unmittelbar betroffen sein werden, sind etwa 600 Personen türkischer Herkunft.
Davon sind mindestens ein Drittel Aleviten. Doch es war nicht der
Verbreitungsgrad dieser Religion in der Elektrofirma, der den Anstoß zu der
Aktion gab. „Ein Alevit (…) verstößt niemals gegen Alis Gerechtigkeitssinn“,
schreibt Ismail Kaplan in seiner Abhandlung über das alevitische
Glaubenssystem. „Ein Alevit ist aufrichtig, freundlich, barmherzig, gerecht,
liebevoll.“ Das solche Grundsätze immer wieder aktiv nach außen praktiziert
werden, ist auch das Anliegen des Alevitischen Kulturzentrums (AKM) von
Nürnberg. „Ali und Hussain wurden beide ermordet, weil sie sich mit ganzem
Herzen für die Gerechtigkeit eingesetzt haben“, so Altunkaymak. „Auch den
Leuten bei AEG geht es um Gerechtigkeit. Man darf nicht einfach so viele
Menschen auf die Straße setzen. Insofern passt unser Beitrag hervorragend zum
Sinn des Aşure. Bei diesem Fest geht es um Hoffnung und Zuversicht. Auch
wir wollen ein Zeichen der Hoffnung setzen.“
Nach
einer Weile kommt am Stand des AKM sogar ein von weit angereister, graubärtiger
Deutscher vorbei und spendet den Helfern ein paar große Tafeln Schokolade und
eine Schachtel mit Faschingskrapfen. Ganz im Sinne der Aktion bleiben diese
Spenden aber nicht einfach neben den Töpfen am Stand liegen. Einer der Helfer
zieht sofort mit den Schokoladentafeln los und verteilt sie an die, die hungrig
aussehen. Unterdessen versucht Ibrahim Altunkaymak, sich im Streikzelt etwas
aufzuwärmen. „Ich war jetzt gerade mal eine Stunde hier in der Kälte, und spüre
schon meine Füße nicht mehr richtig. Aber die AEG’ler hier draußen tun das
schon 21 Tage lang, bei jedem Wetter. Das will was heißen.“ Wie um seinen
Respekt zu unterstreichen, fügt er hinzu: „Immer wenn ich miterleben darf, wie
so viele Menschen sich zusammentun nur um einer Idee willen, nur für ein
Prinzip, jagt mir das schon einen wohligen Schauer über den Rücken. Es ist ein
erhebendes Gefühl.“